Von Rumänien bis zum Rtanj: Glücklich sind die Grenzgänger

Die Gegend um unseren Schlafplatz

Kann ein so kleines Tier so stinken?

Die Temperaturen an diesem Morgen steigen schnell. Der Geruch nach Verwesung hat die ganze Nacht angehalten. Wir stehen auf einer Art Kreuzung, eine Abzweigung führt über eine Furt durch den Bach in den Wald, eine andere einen steilen Berg hoch.

Beide würde ich nur mit Allrad befahren. Meine Theorie ist daher, dass aus dem Wald zurückkehrende Jäger ihr Wild am Bach aufbrechen und die Gedärme in die Büsche werfen. Ein Stück aufwärts des Weges gibt es aber eine andere simple Erklärung. Dort liegt ein verwesender Hundekadaver. Dass ein Tier so stinken kann! Vielleicht stimmt aber auch beides…

Zurück zur Hauptstraße

Hotel Roman, nicht von der Schokoladenseite

Für den Länderpunkt Rumänien stehen uns mehrere Möglichkeiten zur Verfügung. Die sicherste scheint eine Grotte zu sein, die oberhalb von Băile Herculane liegt. Also fahren wir raus aus dem Wald, wieder auf die Europastraße, biegen aber ein Stück vor unserer gestrigen Route ab. Jetzt geht es nicht durch die Büdchengasse von gestern, sondern durch ein Dorf und dann steil den Berg hoch.

Am Hotel Roman, Kategorie unsanierter Altbau, parken wir den Bulli und folgen den Wegweisern. Ein Hund mittlerer Größe, der vor dem Hotel herumstreunt, schließt sich uns an. Er trägt ein Halsband, muss also zu jemandem gehören. Vielleicht hat er nur Lust auf Gesellschaft und einen kleinen Ausflug. Er ist überaus freundlich und wir nehmen ihn gerne mit.

Unser temporärer Cache-Hund

Es ist 9 Uhr morgens, aber die feuchte Hitze ist bereits mörderisch. Während des kurzen Aufstieges schwitzen wir gewaltig. Umso willkommener ist der Schatten der Grota Haiducilor. Ausser uns ist niemand hier. Wir können den Cache (GC1W0EZ) recht fix finden und schauen uns die Höhle an. Nachdem wir uns etwas abgekühlt haben, steigen wir wieder runter. Unser vierbeiniger Begleiter folgt uns.

In der Grotte

Unten vor dem Hotel treffen wir Olga. Sie ist Mitte 50, Russin und sammelt mit ihrem Wägelchen Müll. Das ist zumindest das, was wir glauben verstanden zu haben. Zu unserer Verwunderung will sie kein Geld, nur ein kleines Pläuschchen. Das mit dem Geld wäre auch schwierig geworden. In unseren Taschen befindet sich kein einziger Leu, die Landeswährung haben wir bisher nicht gebraucht. Wir tauschen ein paar Sätze Kauderwelsch aus und verabschieden uns. Als wir das Dorf am Fuß der Berge passieren, jagen sich zwei junge Männer über die Dorfstraße. Der Verfolger wirft laut lachend mit einer lebendigen Schlange nach seinem Kumpel. Die beiden haben sichtlich Spaß an dem derben Scherz. Wir wundern uns.

Hier gibt es gleich den Schlangen-Vorfall

Unser nächstes Ziel heisst Orşova. Dort gibt es zwei gelistete Caches, einer an einer architektonisch merkwürdigen Kirche (GC2K5XN), der wohl weg war. Und einen an einem Kloster oberhalb des Ortes (GC2CGXW), den wir gut finden können. Hier oben ist es ganz hübsch, aber so richtig flasht es uns nicht.

Katholische Kirche in Orşova

Monastirea Sfanta Ana

Wohnviertel in Orşova

Als nächstes besuchen wir Drobeta Turnu Severin. In der Stadt gibt es vier Caches, die wir finden wollen. Leider gefällt es uns hier überhaupt nicht. Es ist hektisch, laut und irgendwie liegt eine gewisse Grundagressivität in der Luft. Wir fahren in das Zentrum, vorbei an den Caches und machen dass wir wieder rauskommen.

Zwischendurch habe ich immer mal wieder versucht, ein offenes Wlan zu finden. Was auf der anderen Donauseite in Serbien nie ein Problem war. Hier ist es anders. Weniger Netze und wenn, dann verschlüsselt. Irgendwie haben wir einen schlechten Start mit Rumänien. Wir haben schon einiges über das Land gehört und es soll viele schöne Orte und Landschaften geben. Mit Blick auf die Berge glauben wir das gerne. Wir werden das Land wohl einmal besser vorbereitet und in anderen Regionen besuchen. Aber das ist eine andere Reise. Dieses Mal beschränkte sich die Recherche auf die grenznahen Caches entlang der Donau.

Ausblick unterwegs

Wir haben ein weiteres Ziel. Das Naturschutzgebiet Rtanj im südöstlichen Serbien, wo ein besonders schöner FTF winkt. Die Fahrtstrecke dorthin beträgt ca. 180 km. Also los. Wir überqueren die Donau und die Grenze so wie wir gekommen sind. Am rumänischen Posten ist nichts los und so widmet sich uns der Zollbeamte etwas gründlicher. Ob wir Waffen, Munition oder Drogen dabei hätten. Wir lachen. Er nicht.

Auf eine weitere Kontrolle wird verzichtet, das erledigen dann die Serben auf der anderen Seite. Der Pistenstaub hat sich in den Zahlenschlössern der Toolbox festgesetzt und ich bekomme sie erst nicht auf. Das macht den Grenzer misstrauisch und er beobachtet genau, ob ich die Kombination auch wirklich kenne. Nachdem wir alle Staufächer geöffnet haben und somit des Schmuggels unverdächtig scheinen, wird die Zulassung genau geprüft. Der Beamte verschwindet mit unseren Papieren im Grenzhäuschen und lässt uns eine Viertelstunde warten. Zumindest stehen wir im Schatten. Schließlich dürfen wir passieren und sind jetzt wieder in Serbien.

Landstraße in Serbien

Der Weg Richtung Soko Banja, einer Stadt am Rande des Rtanj, ist einigermaßen unspektakulär aber immerhin gut zu fahren. Unterwegs müssen wir tanken und suchen eine „Pumpa“ (Tankstelle), die Kreditkarten nimmt. An einer Zapfsäule halten wir. „Credit Card?“ frage ich. Nach einem Blick auf unser Kennzeichen lautet die überraschende Antwort: „Nächste Tankstelle!“

Dort angelangt wartet ein junger Tankwart, vielleicht so um die 2o. Er spricht fließend Deutsch. Woher er das denn könne? Fernsehen! Er hat offenbar eine Schwäche für deutsche Produktionen, die in Serbien mit Untertitel ausgestrahlt werden. Und sich nebenbei eine Fremdsprache draufgeschafft. Hier auf dem platten Land Ostserbiens kommen nicht oft deutschsprachige Touristen vorbei. Er freut sich sichtlich, seine Kenntnisse anwenden zu können.

Der Cache, den wir anfahren, verfügt über drei zusätzliche Wegpunkte. Ein Motel am Fuße des Berges, einen Parkplatz in einem Dorf für den Aufstieg von Norden und einen Parkplatz für den Aufstieg von Süden, der abseits von Ortschaften liegt. Da es hier in weitem Umkreis keine Aussicht auf einen Campingplatz gibt, wollen wir Variante Drei nutzen und hoffen, dass sie einen guten Schlafplatz abgibt.

„Der ist aber ganz schön hoch!“

Vorher folgen wir der Empfehlung und besuchen das Motel, trinken etwas, nutzen das Wlan und die Sanitäranlagen. Hier direkt an der Hauptstraße wollen wir nicht nächtigen und fahren weiter Richtung Möglichkeit Zwei, da müssen wir eh lang. Vorbei an einer mächtigen Industrieanlage, die wieder wie ein Lost Place wirkt, aber keiner ist, erreichen wir das Dorf mit der Parkmöglichkeit. Der Platz ist wirklich mitten im Dorf, scheidet also auch aus.

Der Einstieg zu Parkplatz Drei soll in einem Dorf namens Mužinac liegen. Wir studieren die Papierkarte. Da ist es nicht drauf. Auch OSM kennt es nicht und die City Navigator versuchen wir gar nicht erst. Also probieren wir zunächst, den Punkt direkt anzufahren. Aber das ist im Gebirge immer so eine Sache. Mal fahren wir direkt drauf zu, mal entgegengesetzt, weil es keine andere Möglichkeit gibt.

In einer Kurve liegt ein kleines Restaurant. Wir halten auf dem Parkplatz. Es ist nicht viel los, nur zwei Gäste, ein Paar, und die Wirtin. Letztere fragen wir zuerst mit der Karte in der Hand. Sie versteht kein Wort und verweist uns auf das Paar. Er spricht etwas Englisch. Astrid meinte später, er hätte Ähnlichkeit mit Richard Gere. Auch sie ist von angenehmen Äußeren, offensichtlich schwanger und genießt eine Zigarette zum Rotwein. Sieht man hier alles nicht so eng.

„You want to go mountain? Why?“ Man hält uns für bekloppt. Er zeichnet das Dorf Muzinac auf unserer Karte ein und auch die Straße zu unserem gewählten Parkplatz. Dabei mustert er abwechselnd den Bulli und uns. „The road is very…“ ihm fehlt das Wort, aber seine Gestik verheisst nichts Gutes. Wir danken und machen uns auf den Weg. Unsere Karte hat eine weitere Widmung bekommen.

Als wir das Dorf finden, führt eine winzige Geröllpiste zwischen den Häuschen den Hang hinauf. Wir fahren zuerst daran vorbei. Es ist steil und es liegt wirklich viel Geröll herum. Die Räder drehen durch und das ESP greift. Ich schalte es ab und wir kommen so gerade hinauf. Etwas weiter wird es flacher. Wir folgen dem Weg ein, zwei Kilometer. Dann eine Querrille. Jetzt ist Schluss. Hier ist Platz, die Sonne steht tief und dies könnte einen guten Schlafplatz abgeben. Bis zum Wegpunkt sind es zwar noch 5 Kilometer, die können wir morgen aber laufen.

Geröllpiste im Rtanj

Der Cache, den wir suchen wollen, liegt auf dem höchsten Gipfel des Rtanj, dem Šiljak (1565 m). Das wird eine Tagestour und da machen 10 Kilometer mehr oder weniger auch nichts. Bis zum Gipfel sind es von hier 8 Kilometer. Luftlinie. Auf der Suche nach den Wegpunkten haben wir den Berg bereits respektvoll gemustert. „Der ist aber ganz schön hoch!“ wird zum Ausspruch des Abends.

Unser Basislager

Um uns herum liegt eine traumhafte Landschaft. Richtung Süden schauen wir in das Tal, in dem Soko Banja liegt. Dahinter eine weitere Bergkette. Richtung Norden liegt unser Ziel für morgen. Im Osten und Westen breiten sich Bergwiesen aus, unterbrochen von kleinen Feldern, dazwischen etwas Buschbewuchs. Es dämmert bereits und wir denken, dass sich hierher wohl niemand mehr verirren wird. Weit gefehlt. Die Bauern kommen erst jetzt von ihren Feldern zurück. Die erste Fuhre, die uns passiert, hält. Mist! Bestimmt der Landbesitzer, der uns hier nicht haben will. Wieder falsch! Es ist ein älteres Bauernpaar auf ihrem kleinen roten Traktor.

Sie begrüßen uns aufs Herzlichste. Eine gemeinsame Sprache finden wir nicht, aber mit Gesten beschreiben wir, was wir vorhaben. Offensichtlich sind sie darüber hoch erfreut. Auf einem Zettel wird nun die Route „besprochen“. Plötzlich macht die Bäuerin eine öffnende Bewegung mit den Armen. Wir verstehen nicht. Sie zeigt uns einen Beutel, dann auf den Bulli. Wir sollen einen Beutel holen. Als wir einen haben, kramt sie aus einem Eimer Kartoffeln, Zwiebeln und Knoblauch hervor, die die beiden gerade vom Feld geerntet haben und steckt sie in den Beutel. So was passiert dir im Sauerland¹ nicht. Mit Handschlag und warmen Worten in der jeweiligen Muttersprache bedanken wir uns und nehmen Abschied. Der kleine rote Trecker tuckert davon und wir gehen mit einem breiten Grinsen zum Bulli. Wir sind von der Herzlichkeit und dieser Geste jetzt immer noch überwältigt.

Bulli im Sonnenuntergang

Blick auf den Gipfel im letzten Abendlicht

Während wir kochen und bei den letzten Sonnenstrahlen essen, kommen noch ein paar weitere Gefährte, meist kleine Traktoren mit hoch beladenen Heuanhängern vorbei. Jeder grüßt freundlich. Die Hitze des Tages ist gewichen und wir werden ausgezeichnet schlafen.

Am nächsten Tag versuchen wir einen FTF nach fast einem Jahr zu landen und haben eine wunderschöne Bergtour.

¹ Obwohl da viele nette Leute wohnen!

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