Archive for Juli 2012

Vom heissen Osten Mazedoniens an den Ohridsee

Morgens sind wir schon früh auf. Die Rezeption der Popova Kula Winery ist jetzt mit dem freundlichen Gärtner besetzt, der in der Dunkelheit vor allem mit dem Wässern der Rasenflächen beschäftigt war. Wir nutzen noch einmal die Waschräume und machen uns reisefertig. Schon jetzt beäugen uns die ersten Hotelgäste neugierig vom Balkon aus. Wir machen, dass wir wegkommen. Einen warmen und freundlichen Empfang hatten wir von den Mitarbeitern des Hotels, so recht passen wir beiden Bullibewohner aber nicht hierher.

Unser Ziel ist der Ohridsee. Dort soll es einen Campingplatz mit Strand und guten Sanitäranlagen geben. Endlich wieder eine Dusche! Und selbst wenn es mit den Sanitärhäuschen wieder nichts ist haben wir immer noch den See.

Auf dem Weg zum Ohridsee

Minarett und Wegweiser

Unterwegs in Richtung Westen überqueren wir insgesamt vier Pässe. Hinter jeder Bergkette wird die Landschaft etwas grüner und das Thermometer fällt. Entlang es Prespasees sind es nur 32°. Und es ist fast Mittag. Eine Wohltat nach den über 40° von gestern!

In der Nähe von Bitola bemerken wir, dass an einem Hang unfassbar viel Müll liegt. Zuerst denken wir an eine wilde Müllkippe. Ein Blick den Hang hinauf offenbart einen Slum, wie wir ihn live noch nie gesehen haben. Von diesen hatten wir schon gehört. Es heisst, dass vor allem Roma hier unter unfassbaren Umständen leben müssen. Im Juli 2012 gab es Presseberichte über ein Lager in Montenegro, das in Windeseile abgebrannt sein muss. Angesichts dieser Bilder sind wir nicht verwundert. Glücklicherweise hat es dabei keine Todesopfer gegeben. Trotzdem sind viele Menschen obdachlos geworden.

Der letzte Pass, den es zu überqueren gilt, führt durch den Nationalpark Galicica. Eine schmale Straße führt in Serpentinen immer höher in das Gebirge. Die letzten Pässe führten über eher hochrangigere Straßen. Jetzt ist es schmal und teilweise ohne Leitplanken am Abgrund. Es bieten sich atemberaubende Ausblicke. Der Gebirgskamm trennt den Prespasee vom Ohridsee. Am höchsten Punkt des Passes bietet sich eine fantastische Aussicht über beide Gewässer. Wir parken in einer Piste und machen uns zu Fuß auf zum Aussichtspunkt, wo auch ein Cache (GC14FCJ) liegt.

Berg Galichica

Parkplatz am Pass über den Galichica

Auf einer steilen Wiese haben Paraglider ihr Basiscamp. Einzelne Gleiter sind in der Luft zu beobachten. Das muss herrlich sein, über dieser Landschaft! Der Cache führt uns etwas abseits des gut besuchten Aussichtspunktes. Wir setzen uns und schauen den Paraglidern eine Weile zu.

Wahnsinns-Aussicht mit Paraglider

Das Basiscamp der Paraglider

Am Campingplatz angekommen stehen wir vor der obligatorischen Schranke. Es gibt einen Schrankenwärter, der die Fahrzeuge einzeln durchlässt und auch die Fußgänger kontrolliert. Er erinnert uns an Louis de Funes und spricht Deutsch. Aber so schnell und hastig, dass wir ihn fast nicht verstehen. Wir lassen den Bulli an der Pforte stehen und schauen uns um. Das Gelände ist sehr weitläufig und es gibt verschiedene Bereiche. Mal finden sich kleine Zeltstädte, hier und da sieht man einen Wohnwagen. Ein Hüttendorf gibt es auch, aber da ist nichts los. Der Strand sieht prima aus, ist aber ganz schön bevölkert. Das liegt daran, dass der Campingplatz auch ein Strandbad ist, das auch Eintritt kostet. An einem Samstagnachmittag ist dies bei diesem prächtigen Wetter gut besucht.

Der Strand – allerdings am nächsten Morgen

Zum Campen entscheiden wir uns für eine Wiese etwas abseits. Sie wird von hohen, ausladenden Laubbäumen beschattet. Etwas entfernt steht ein T4 mit mazedonischem Kennzeichen. Ebenfalls abseits finden sich einige Zelte, sonst ist hier nichts los. Ideal! Die Duschen gehen in Ordnung, die Toiletten auch. Ein weiteres Sanitärhäuschen ist im Bau.

Unser Camp am Ohridsee

Zunächst machen wir uns aber auf zum Strand. Wir erwischen das letzte schattenspendende Bäumchen am Rand. Direkt auf dem Sand haben sich die Leute Schirmchen mitgebracht. Ein Verweilen direkt in der Sonne ist undenkbar. Das Wasser im See ist glasklar und gar nicht so kalt. Herrlich! Etwas entfernt bemerken wir eine kleine Familie. Wir hören einige Brocken Deutsch und immer einmal wieder eine andere Sprache. Mazedonisch, wie wir bald erfahren sollten. Wir sprechen die drei an. Es sind Gülbear mit Tochter Zeynep und ihrem Mann Sükrü aus Hamburg. Sie sind fast jedes Jahr hier, Gülbear hat Wurzeln in Ohrid. Wir haben eine nette Unterhaltung über dies und das, später machen wir noch eine kleine „Bulliführung“.

Die Camper auf dem Platz gehen relativ sorglos mit ihrem Eigentum um. Am Strand lassen sie ihre Sachen unbeaufsichtigt liegen, vor den Camps sind auch wertvollere Gegenstände offen zu sehen. Wir fühlen uns sicher. Später bemerken wir, dass ausser der „Einlasskontrolle“ auch Wachschutz über das Gelände patrouilliert.

Unsere ersten Landschildkröten in freier Wildbahn und dann so ein Benehmen!

Wir unternehmen noch einen Abendspaziergang, der einen Cache mit einschließen soll. Wir kommen aber nicht so recht dran und es wird rascher dunkel als vermutet. Als dann noch einige Fahrzeuge ohne Kennzeichen aus Richtung der nahen albanischen Grenze an uns vorbeijagen, entscheiden wir uns endgültig für den Rückzug.

a good old yugoslav truck 😉

Am nächsten Tag reisen wir nach Albanien ein, durchfahren Tirana und finden eine überraschende Bleibe.

Mazedonien (former Yugoslav Republic of)

Als die Sonne noch tief steht, brechen wir Richtung Süden auf. Heute werden wir Serbien endgültig verlassen. Das finden wir sehr schade, langsam müssen wir uns aber auf den Rückweg machen. Und ein paar weitere Länder wollen wir ja noch besuchen.

Kuhhirtin unterwegs

Wir fahren die selbe Strecke zum Autoput, wie wir vorgestern gekommen sind. Die Nord-Süd-Achse Serbiens hat die bekannt wechselhafte aber brauchbare Qualität und wir kommen ganz ordentlich voran. Auf der Suche nach einer Einkaufsmöglichkeit geraten wir in das quirlige Städtchen Bujanovac. Hier wohnen anscheinend überwiegend Moslems, was im Straßenbild deutlich zu merken ist. Verschleierte Frauen in langen Gewändern und Männer mit Kaftanen teilen sich die Straße mit einem bunten Verkehrschaos aus allerlei Arten von Fahrzeugen. Es gibt viele Moscheen und auch sonst wirkt alles sehr orientalisch. Als kleine Kuriosität entdecken wir einen Wegweiser zur „Pizzaria Dusseldorf“. Alles eine Frage der Perspektive. Leider existiert von diesem kleinen Exkurs kein brauchbares Foto.

Das letzte Stück Autobahn bis zur Grenze nach Mazedonien (FYROM) ist teilweise noch im Bau. Der freigegebene Belag ist nagelneu und wir gleiten nur so dahin. Es ist wenig Verkehr.

An der Grenze hat sich an der PKW-Abfertigung eine lange Schlange gebildet. Es geht nicht so recht vorwärts. Das Thermometer ist unaufhörlich geklettert und zeigt jetzt satte 40° an. Im Schatten. Den gibt es aber nur direkt an den Abfertigungsschaltern. Eine Ewigkeit stehen wir jetzt auf einer aufgeheizten Asphaltfläche, umringt von glühenden Blechkisten. Fliegende Händler verkaufen raubkopierte CDs und ein junger Mann mit „Macedonia (FYROM)“-T-Shirt versucht die Reisenden von den Vorzügen des Landes abseits der Autobahn zu überzeugen. Die Autokennzeichen lassen vermuten, dass die meisten der Autoinsassen Türken und Griechen sind, die in Nordeuropa leben und auf dem Weg in die alte Heimat sind.  Somit fahren sie nur durch. Am Schalter angekommen erfahren wir auch, was das Problem ist. Die Passscanner sind ausgefallen. Die manuelle Abfertigung plus Versuch „ob es wieder geht“ dauert einfach länger.

Warten an der Grenze bei 40°

Mazedonien (former Yugoslav Republic of) empfängt uns mit einer grottigen Fahrbahnoberfläche, die vor Löchern nur so strotzt. Selbst die LKW fahren kilometerweit auf der linken Spur um der abgenutzten Fahrbahndecke der rechten zu entgehen. Trotzdem erreichen wir kurz hinter der Grenze eine Mautstation. Die Streckenabschnitte kosten allerdings nur Centbeträge. Die gesamte Durchfahrt Serbien-Griechenland kostet ca. € 3,50. Immerhin gibt es an den Mautstationen freies WLAN. Ich bedauere fast schon, dass es kaum Schlangen gibt und die Wartezeiten sehr kurz sind.

Die Landschaft um uns herum wird immer karger. Gelb- und Ockertöne herrschen vor. Schon jetzt, Anfang Juli, ist die meiste Vegetation vertrocknet. Das Radioprogramm empfinden wir als überaus exotisch, es gibt viele Folkloresender mit entsprechender Musik.

Alles heisst irgendwie nach „Alexander the Great“. Der Flughafen in Skopje, die Autobahn, die wir gerade befahren und noch so dies und das. Die Willkommens-SMS von einem lokalen Carrier beginnt mir „Welcome to the cradle of civilization!“. Auch das Kürzel (FYROM) hinter dem Landesnamen ist allgegenwärtig. Im offiziellen Sprachgebrauch heisst das Land wegen eines Namensstreits mit Griechenland „Former Yogoslav Republic of Macedonia“.

Die Stufen zum Monument

Unser erstes Ziel heisst Veles. Dort gibt es einen Cache (GC1DVD2) an einer Gedenkstätte für gefallene mazedonische Soldaten. Wir fahren von der Autobahn ab und parken unterhalb des Monuments. Es geht über steile, weisse Marmortreppen den Berg hoch. Als wir fast oben sind, drehen wir uns um und genießen den Ausblick auf die Stadt. Es ist brüllend heiss und die Luft flirrt. Just in diesem Moment rufen die Muezzine von den Minaretten zum Mittagsgebet. Eine unbeschreibliche Szenerie!

Blick über Veles

Monument

Mit dem Länderpunkt ausgestattet machen wir uns auf zu unserem Schlafplatz. Auf einem Weingut nahe Demir Kapija soll man ganz gut stehen können. Der Tipp kam abermals vom Campingplatzchef in Sr. Mitrovica. Am späten Nachmittag sind wir da. Die Popova Kula Winery entpuppt sich als recht noble Absteige. Vor der Tür stehen – für die regionalen Verhältnisse – neue und große Autos. Die Gäste wirken fast schon mondän. Innen ist es klimatisiert und die Rezeption ist gleichzeitig ein gut sortierter Weinhandel. Man erlaubt uns auf dem Parkplatz zu campen und die Waschräume in der Rezeption zu benutzen. Wieder keine Dusche, aber immerhin saubere Toiletten und ein Waschbecken. Auf die Frage nach dem Preis winkt man ab. „It’s free.“

Popova Kula Winery

Unser Camp auf dem Parkplatz

Vom Weingut aus blickt man über sanft geschwungene Weinberge und auf mehrere Gebirgsketten. Wir machen es uns im Schatten gemütlich, in dem inzwischen 43° herrschen, und versuchen uns so wenig wie möglich zu bewegen. Abends werfen wir uns in eine möglichst ordentliche Garderobe und besuchen das Restaurant. Wir essen und trinken ganz hervorragend. Ein eiskaltes Bier, nach dem uns jetzt gelüstet, kann man uns hier prinzipbedingt nicht anbieten. Aber der erfrischende Weisswein, den man uns empfiehlt, ist ganz hervorragend.

Aussicht vom Weingut aus

Auf der nächsten Etappe suchen wir wieder Abkühlung an einem See und fahren das erste Mal seit langem wieder nach Westen.

Erstmal Kaffee.

Einer der wichtigsten Ausrüstungsgegenstände auf Tour ist unsere fast unverwüstliche Kaffeekanne. Genauer gesagt handelt es sich um eine Espressokanne von Bialetti. Man benötigt Wasser, Kaffeepulver und eine Wärmequelle, schon kann es losgehen. Wir benutzen einen einfachen Gaskocher für Campingaz Stechkartuschen. Die sind klein, leicht, billig und überall zu bekommen.

Das Prinzip ist einfach. Das Wasser im Kessel wird zum Kochen gebracht und verdampft. Durch den Druck wird der Dampf durch das Sieb mit dem Pulver gedrückt. Oben in der Kanne kondensiert der Wachmacher, fertig. Der Kaffee, der rauskommt schmeckt herrlich und draussen gleich noch mal so gut.

Der Griff hat irgendwann einmal aufgegeben. Also habe ich ein Essstäbchen aus Plastik mit Sugru an der Kanne befestigt. Über die Ästhetik kann man streiten, aber das hält jetzt schon einige Jahre.

„Schön Willkommen in Bulgarien“

Heute machen wir einen Tagesausflug nach Bulgarien. Natürlich nicht ohne den obligatorischen Länderpunkt zu holen. In Grenznähe liegen zwei Tradis. Einer, der den sicheren Punkt verspricht (GC14RKG) und einer, der eine nette Kraxelei verheisst (GC10G6E).

Man heisst uns „Schön Willkommen in Bulgarien“

Eine Serpentinenstraße windet sich in östliche Richtung vom Hochplateau in Richtung Grenze herunter. Mitten in der Pampa kommen uns plötzlich Fußgänger mit Einkaufstüten auf der Landstraße entgegen. Die Gegend ist bergig und der nächste Ort kilometerweit entfernt. Zudem ist es noch recht früh am Tage und die Leute scheinen auf dem Rückweg zu sein.

Ein Stück weiter erreichen wir Klisura, ein größeres Dorf. Hier ist Markt und jede Menge los. Man kann nahezu alles kaufen, von Lebensmitteln über Bekleidung. Aber auch Jagd- und Angelbedarf sind im Angebot, einige Militaria sind zu sehen. Mit Töpfen, Pfannen und Geschirr kann man sich hier auch ausstatten. Offensichtlich fallen wir auf, die Köpfe fliegen herum als wir vorbeifahren. Einige Passanten sehen uns noch lange nach. Westeuropäer verirren sich offensichtlich höchst selten in die Gegend.

Wir erreichen die Grenze. Ein klitzekleiner Grenzposten fertigt hier den lokalen Grenzverkehr ab. Man kennt sich offenbar. Die Serben lassen uns schnell durch. Die bulgarische Grenzbeamtin will wissen, wo wir denn hinwollen. Nur ein kleiner Ausflug ins Land, antworten wir. Sie lässt uns passieren und wir verabschieden uns mit „See you in the evening!“. Dem Zollbeamten reicht auf Nachfrage, ob wir etwas zu verzollen haben, ein einfaches „No“. Es gibt aber noch eine dritte Person, die am Grenzposten arbeitet. Der Typ, der die Vignetten verkauft. In Bulgarien sind nahezu alle Straßen mautpflichtig. Wir wollen nur ein paar Landstraßen fahren, die das aber auch betrifft. Also kaufen wir eine Wochenvignette für fünf Euro. Kleiner haben sie es nicht.

Die Straße, die wir fahren, ist unglaublich schlecht. Tiefe Schlaglöcher und ständig wechselnder Belag lässt eine zügige Fahrweise nicht zu. Weiter im Land soll es weit bessere Strecken geben, aber hier ist es wirklich schlimm. So geht es rumpelnderweise zum ersten Cache, einem D/T1.5.

Vor Ort machen wir uns an die Suche. Der Hang, an dem der Cache liegt, wird von der gleißenden Sonne beschienen. Es ist schon jetzt ziemlich heiss. Der Hint passt auf so nahezu alle Objekte in der Nähe. Wir suchen, finden aber nichts. Die Koordinaten zeigen 30 Meter den Hang hinauf. Es ist steil, felsig und sieht so gar nicht nach T1.5 aus. Irgendwann reicht es mir. Ich ziehe mein T-Shirt aus, um es nicht noch weiter durchzuschwitzen und klettere rauf. Es kostet etwas Mühe, den Nullpunkt zu erreichen. Aber die Koordinaten stimmen. Nur eben die T-Wertung nicht. Hoch über der Straße, zwischen Felsen und Büschen finde ich den Cache. Jetzt bloß nicht abrutschen! Ich logge und mache mich auf den Rückweg. Der Länderpunkt ist im Sack!

Der Weg zur Schlucht

Nun die Kür. Die Schlucht am Erma Fluss ist sogar ausgeschildert und scheint eine Touristenattraktion zu sein. Als wir dort ankommen, ist ausser uns aber niemand dort. Auf der OSM-Karte führt ein Weg direkt zum Cache. Luftlinie keine 500 Meter. Laut Fußgängernavigation sind bis zu den Koordinaten weniger als 1000 Meter zu gehen. Der zunächst steile aber breite Wanderweg führt durch einen ca. 150 Meter langen Tunnel. Später sehen wir, dass hier auch Autos durchfahren. In der Mitte haben es sich zwei Kühe im Schatten bequem gemacht. Wir gewöhnen unsere Augen an die Dunkelheit und gehen ohne Lampen an ihnen vorbei. Bei genauem Hinschauen erweist sich eines der beiden Tiere als ein junger Bulle.

Wir erreichen den Einstieg zum Pfad, der zunächst sehr steil zum Fluss herunter führt. Es gibt Tritte aus Brettern und Baumstämmen, die vor jeder Belastung geprüft werden wollen. Einige sind ziemlich morsch. Unten angelangt donnert die Erma an uns vorbei. Eine wackelige Holzbrücke führt über die Schlucht. Es schwingt ganz schön beim Überqueren, es bieten sich aber tolle Ausblicke.

Die Brücke über die Erma Gonge

Ein Ausblick von der Brücke

Auf der Brücke

Der Weg hoch in die Klippen beginnt bei einer grob gezimmerten, leiterartigen Aufstiegshilfe. Dahinter windet sich ein schmaler Pfad in Serpentinen immer höher zum höchsten Punkt der Schlucht. Ein Blick auf das GPS zeigt einen geraden Weg, vor uns liegt aber eine steile Zickzack-Strecke. Der Track, aus dem der Weg auf der Karte entstanden sein muss, ist wohl bei der Bearbeitung etwas gerundet worden und verschweigt die ganzen Serpentinen. Da unsere Bulgarienkarte nicht über Höhenlinien verfügt, ist uns die Diskrepanz vorher auch nicht aufgefallen.

Die Aufstiegshilfe

An den steilen Felswänden in der Schlucht ist der GPS-Empfang hundsmiserabel. Ich starte das Oregon mehrfach neu, weil sich das Empfangsteil aufgehängt hat. Als die Entfernung zu den Koordinaten laut Gerät noch 8 Meter betragen, beginnen wir zu suchen. Hier wäre ein Spoilerfoto nett gewesen. Das gibt es zwar, wir haben es aber nicht dabei. Bis auf 3 Meter kommen wir an den Ground Zero heran, drehen Steine und schauen in Felsspalten. Wir finden nichts.

Die Landschaft ist der Hammer

Die Route auf unserer Karte führt über den Kamm und auf der anderen Seite wieder herunter. Wir sind dem höchsten Punkt schon sehr nahe, aber es wird immer steiler und der Pfad ist kaum noch als solcher zu erkennen. Ein paar mal haben wir schon den Weg verloren. Und wir wissen nicht, wie es auf der anderen Seite aussieht. Und da ist ja noch der Cache, vielleicht findet man auf dem Rückweg noch etwas. Also kraxeln wir das Ganze wieder runter. Teils auf allen Vieren oder auf dem Hosenboden rutschen wir talwärts. Am nächsten Tag werden wir Muskelkater haben, weil wir in ungewohnten Posen an Bäumen heruntergehangelt sind.

Zwischen diesen beiden Felsen verläuft der Pfad

Erfolglos erreichen wir wieder die Brücke. Aber schön war es schon. Und jetzt haben wir noch einmal die schöne Aussicht auf den Fluss.

Landstraße in Bulgarien

Zurück am Schlagbaum stehen die bulgarische Grenzerin und der Zollbeamte immer noch auf Posten. Sie schauen etwas ungläubig und winken uns durch. Beim Durchfahren grinst der Zöller: „You are crazy!“

Die serbische Grenzpolizei will es wieder ganz genau wissen.

Storchennest, irgendwo unterwegs gesichtet

„Woher? Wohin? Warum?“ „Aus Bulgarien. An den Vlasinasee. Weil da noch unsere Campingmöbel stehen.“ Die Papiere werden wieder einmal lange kontrolliert, schließlich lässt man uns durch.

In einem Dorf versuchen wir unseren Bestand an serbischen Dinar aufzustocken. Meist kann man hier zwar mit Euro zahlen, aber schon ein Zwanziger überfordert häufig die Wechselgeldkasse. Ein längliches Gebäude bildet eine Einheit aus Kneipe und Post (Pošta, Пошта). Als wir auf den Eingang der Post zusteuern, erhebt sich einer der Kneipengäste vom Bier und stellt sich hinter den Tresen. Eine unbehandelte Syphilis hat vor längerer Zeit offenbar an seiner Nase genagt. Wir zeigen ihm Kredit- und EC-Karte und reiben zwei Finger aneinander. Er versteht sofort, kann uns aber nicht helfen. Kein Bargeld also. Wir haben jetzt noch 700 Dinar in der Tasche, das sind etwas mehr als sechs Euro. Und wir müssen den Campingplatz noch bezahlen. Um einen Geldautomaten zu erreichen müssten wir wieder runter vom Hochplateau in die nächst größere Stadt.

Als wir beim Abendessen sitzen, beobachten wir den Platzwart, wie er unsere Nachbarn besucht. Es ist ein freundliches älteres Ehepaar in einem Wohnmobil mit serbischem Kennzeichen. Die drei sitzen zusammen und offensichtlich kassiert er die Miete. Nach einiger Zeit sind auch wir an der Reihe. Wir können uns gut auf Englisch verständigen, aber er bittet uns häufiger langsamer zu sprechen.

Wir haben in der Zeit hier nicht herausbekommen, was der Platz denn jetzt tatsächlich pro Nacht kostet. Jetzt erfahren wir es. 350 Dinar sollen es sein. Macht also 700 Dinar für zwei Nächte. Prächtig! Allerdings hätten wir bei einem höheren Preis auch gefeilscht, schließlich gab es einen Hauptvorteil von Campingplätzen nicht. Brauchbare Toiletten und Duschen nämlich.

Eine Frage haben wir dann doch noch an ihn. Im Dorf hingen überall Plakate mit Blasinstrumenten drauf. Das kyrillische Wort für Vlasina und das Datum konnten wir auch lesen. Da stand 5./6./7./8. VII. Und der fünfte ist heute! Wo soll denn das Blechblasfestival steigen? Wir hatten schon Bilder von Guča im Kopf. Da stand neben „Vlasina“ aber wohl noch ein anderer Name. Die ersten beiden Abende findet das kleine Festival in einem Dorf am anderen Ende des Sees statt. Und da müsse er jetzt auch hin, meint er, steigt in seinen roten Yugo und rumpelt davon.

Wir folgen unserer Policy, auf dem Balkan nicht bei Dunkelheit zu fahren. Daher findet das Ganze ohne uns statt.

Am nächsten Tag geht es deutlich weiter nach Süden. Wir überqueren die Grenze zu Mazedonien und es wird heiß, heiß, heiß.

Abkühlung dringend gesucht!

Früh am Morgen, die ersten Sonnenstrahlen fallen durch die Verdunkelung am Bulli, werden wir von Motorengeräuschen und Geplapper geweckt. Der Lärm kommt unten von der Hauptstraße. Wir denken uns nichts dabei und drehen uns noch einmal um. Die Geräusche entfernen sich und wir schlafen noch ein bisschen. Nach einem ausgiebigen Frühstück wollen wir starten.

Unten an der M5 dann die Überraschung: Zwischen uns und der Fahrbahn befindet sich ein frischer, dampfender und weicher Teerstreifen. Wir sind eingeschlossen. Hinter uns führt die Geröllpiste den Berg hoch, vor uns der neue Straßenbelag von fragwürdiger Tragfähigkeit. Da ist wohl in der Frühe eine Wanderbaustelle an uns vorbei gezogen. Zudem wurde die Strecke jetzt einspurig gemacht, so dass der Verkehr nur in eine Richtung fließt. Gerade kommen ein paar Fahrzeuge aus der Richtung, in die wir fahren wollen. Ich steige aus und prüfe die Konsistenz des Teers mit dem Schuh. Scheint einigermaßen fest. Müsste gehen. Der einspurige Abschnitt scheint ziemlich lang zu sein, denn jetzt passiert eine gefühlte Ewigkeit gar nichts. Dann kommt ein alter Mercedes in Sicht, der in unsere Richtung fährt. Wir warten bis er vorbei ist und ich gebe Gas. Der frische Teerstreifen lässt sich problemlos überqueren. Die Spuren, die wir hinterlassen sind zu vernachlässigen.

Brüllende Hitze auf einem Parkplatz am Autoput

Unser Ziel ist der Vlasina-See, ein Stausee auf 1200 m Höhe. Dort soll es einen Campingplatz geben. Nach drei Tagen Wildcampen freuen wir uns auf eine Dusche und ein WC. Wir haben den Platz unterwegs im Web recherchiert, keiner unserer Campingführer kennt ihn. Seine Lage verspricht aber einen unkomplizierten und schnellen Tagesausflug nach Bulgarien. Ausserdem wird es auf 1200 m Höhe nicht ganz so heiss sein. Das Thermometer hatte in den letzten Tagen nicht selten 38° angezeigt.

So gerne wir abenteuerliche Strecken fahren, so sehr freuen wir uns dieses Mal, dass ein Großteil der Strecke über die E75, in diesem Verlauf die serbische Nord-Süd-Autobahn („Autoput“), führt und wir gut voran kommen werden.

Gegen Mittag passieren wir Surdulica, eine enge, geschäftige Stadt am Rand zweier Bergmassive. Im Straßenbild ist deutlich zu merken, dass Platz hier knapp und jedes noch so kleine Fleckchen bebaut ist oder als Parkplatz dient. Da wir oben im Gebirge keine größeren Ortschaften auf der Karte gesehen haben, kaufen wir für die nächsten beiden Tage ein.

Gegend um den Vlasinsko Jezero (Власинско језеро)

Eine kurvige und steile Serpentinenstrecke windet sich zu dem Hochplateau, auf dem der Vlasinsko Jezero (Власинско језеро) liegt. Und das Thermometer purzelt. An der Abzweigung, an der wir von der Hauptstraße abbiegen, um am Westufer entlang zum Campingplatz zu gelangen, sind es gerade einmal noch 29°.

Ein wenig suchen müssen wir den Platz schon. Die Skizze aus dem Web erweist sich als falsch und führt zu einem verlassenen Platz. Nur ein alter Mann sitzt vor einer Hütte und zeigt auf die Straße und sechs Finger. 6 km Straße rauf schließen wir daraus. Es führt immer mal wieder ein Weg von der Straße ab. Die Holzschilder, die hinein zeigen sind verwittert und ausschließlich in kyrillisch beschriftet.
Bei einem Badestrand halten wir und fragen. Der Tretbootverleiher spricht Englisch. Auf unsere Frage nach dem Autokamp deutet er auf eine dicht bewaldete Halbinsel. Tatsächlich blitzen weisse Kästchen durch die Bäume, das könnten Wohnwagen sein. Wir bedanken uns und er grinst. Wenn wir ein Tretboot bräuchten wüssten wir ja, wo wir in finden.

Am Vlasinasee

An einem Tor steht eine Art Kiosk. Einige ausgeblichene Zettel in den Scheiben lassen sich auch mit unseren dürftigen Serbischkenntnissen tatsächlich so deuten, dass es sich um eine Campingplatzrezeption handeln könnte. Das Tor ist geschlossen, niemand zu sehen. Wir beschließen es zu öffnen und fahren in Richtung der noch etwas entfernten Halbinsel.
Das Gelände ist toll, direkt am Ufer und unter schattigen Nadelbäumen gelegen. Die Wohnwagen, die wir von weitem gesehen haben, sind verlassen. Es scheint, als würde es auch hier in Serbien Dauercamper geben. An einem Stromkasten arbeiten zwei Männer. Einer ist der Platzwart. Wir sollen uns einfach hinstellen. Ein schöner Platz ist schnell gefunden.

Unser Camp am Vlasinasee

Das Sanitärhäuschen ist einmal wieder ein Flop. Kein Wasser, die Toiletten nicht zu gebrauchen. Also hängen wir unsere Campingdusche an einen Baum. Büsche gibt es hier genug. Und zu einem erfrischenden Bad lädt der See ein.

Die Aussicht vom Bulli auf den See

Zu Fuß machen wir uns auf, die Gegend zu erkunden. Etwas weiter die Straße hoch gibt es ein Hotel. Wir setzen wieder die bewährte Cola-Taktik ein. Jeder bestellt eine Cola, dafür benutzen wir die sanitären Einrichtungen, die aber auch nicht viel besser sind als die auf dem Camp. Auch Internet gibt es hier keines. Dafür entdecken wir auf dem Rückweg am Rande einer kleinen Siedlung ein offenes Wlan. Ein schneller Tweet, dann geht es zurück zum Platz.

Der Versuch, den magischen Mond einzufangen. Hoffnungslos.

Nach dem Abendessen baden wir ausgiebig im See und genießen das tolle Wasser. Es wird dunkel und es geht ein großer, nicht mehr ganz voller Mond über der Bergkette gegenüber auf. Ein absolut genialer Anblick, der sich leider mangels Stativ und vernünftiger Kamera nicht gescheit fotografieren lässt.

Am nächsten Tag machen wir einen Ausflug nach Bulgarien, kraxeln ein wenig und versuchen den Länderpunkt zu ergattern.

Gipfelstürmer

Morgens, gegen unsere Gewohnheit schon vor 7 Uhr, nehmen wir ein kurzes Frühstück ein und machen uns auf den Weg zum Gipfel Šiljak. Noch ist die Sonne nicht vollständig aufgegangen und es ist angenehm kühl. Der Weg zum eigentlichen Parkplatz des Caches auf dem Gipfel ist steinig aber nicht allzu steil. Wir wandern die Strecke  von 5 km in etwas mehr als einer Stunde.

Wegweiser

Am Wegpunkt angelangt finden wir tatsächlich noch eine kleine Siedlung. Bei einem der Häuser wird am Zaun gearbeitet. Nach kurzer Suche finden wir den richtigen Einstieg zum Aufstieg. Ab hier kann definitiv nicht mehr mit dem Auto gefahren werden. Der Weg ist gut mit roten Wegzeichen markiert, hier und da findet sich sogar ein Wegweiser. Frische Fußspuren im Sand zeigen uns, dass wir beim Aufstieg nicht ganz alleine sind. So hatte es bisher den Anschein. Ausser den beiden Arbeitern beim Haus hatten wir keine Menschenseele gesehen. Nach einer steinigen Passage mit etwas Buschwerk folgen nun Serpentinen, die sich hinauf zum Gipfel winden.

Auf dem Weg zum Gipfel

Prächtige Schmetterlinge gibt es hier

Die Landschaft ist herrlich. Es weht ein angenehmer Wind und die Bergwiesen duften. Wir sehen viele, sehr viele, Schmetterlinge. Sie kommen hier in zahlreichen Arten vor, darunter auch überaus prächtige. Auf dem Rtanj-Massiv wächst eine Art des Winterbohnenkrautes, die als Heilpflanze, vor allem aber als Aphrodisiakum bekannt ist. Der Rtanj-Tee wird auch fertig verkauft, obwohl die Pflanze hier inzwischen bedroht und daher geschützt ist. In den Hängen sehen wir einen älteren Mann kraxeln, der mit Plastikbeuteln bewaffnet offensichtlich etwas sammelt. Wir tippen auf genau diesen Tee.

Gräser am Wegesrand

Der Bewuchs schwindet und damit auch der Schatten. Die Sonne steht schon etwas höher aber der Wind kühlt angenehm. Weiter oben nehmen wir eine dreiköpfige Wandergruppe wahr. In Deutschland hätte man jetzt um den FTF bangen müssen. Aber der Cache, den wir finden wollen, liegt schon fast ein Jahr ungefunden herum. Im März hat es einmal jemand versucht, ist aber am Schnee gescheitert. Jetzt fällt mir siedendheiss ein: Wir haben keine Ersatzdose mitgenommen! Was wenn die Dose schlicht weg ist? Wir sind aber schon auf halbem Weg und es wird heute mit Sicherheit nicht kühler.

Diese Blüten sehen aus als wären sie aus Silberpapier

Der Abstand zu der Dreiergruppe wird zunehmend kleiner. Sie besteht aus zwei Männern und einer Frau. Einer der Männer ist merklich fitter als die anderen beiden, läuft oft vor und wartet dann. Die sind deutlich gemächlicher unterwegs und müssen öfter mal pausieren. Als der Gipfel schon in greifbarer Nähe scheint, überholen wir. Ein kurzes „Dobar Dan!“ und wir sind vorbei. Zum Glück sind wir soviel schneller, dass der Abstand schnell anwächst. Schließlich wollen wir oben in Ruhe suchen und den Cache nicht gefährden.

Näher am Gipfel

Das letzte Stück verläuft parallel zu einem mächtigen Felskamm. Kurz vor dem Gipfel kommt eine Ruine in Sicht. Von unten haben wir schon oft gemutmaßt: Da oben ist doch irgend etwas! Es handelt sich um eine kleine Kapelle, die 1932 von der Minenbetreiberfamilie aus der Gegend erbaut wurde. Hier oben gibt es oft Blitzeinschläge, die das Gebäude beschädigt haben. Den Rest haben ihm aber Schatzsucher gegeben, die mit Dynamit nach einem sagenhaften Goldschatz suchten. In grauer Vorzeit soll hier einmal die Burg eines Zauberers gestanden haben, die einen unglaublichen Goldschatz barg. Überhaupt ranken sich jede Menge Sagen und Mythen um den Berg. Es ist von paranormalen Phänomenen zu hören. UFO-Aktivität soll hier an regnerischen Tagen stattfinden. Die Pyramidenform lässt ebenfalls Spekulationen von Esoterikern ins Kraut schießen. Es gibt sogar eine eigene „Forschergesellschaft“, die sich damit beschäftigt.

Die Ruine auf dem Šiljak

Wir erreichen den Gipfel und machen uns gleich an die Suche. Der Hint ist eindeutig, so dass wir den Cache (GC32FMP) der Marke „Cremedose“ rasch in Händen halten. Der erste Blick ins Logbuch, ein Schock! Da steht ja schon einer drin! Ein kurzer Blick auf die Beschreibung lässt uns entspannen. Der Owner hat sich in das Feld für den FTF verewigt. Puh! Wir sind also die ersten! Wir loggen und packen die Dose wieder zurück.

Cachebox

Logbuch

Am Fuß der Ruine gibt es auch ein offizielles Gipfelbuch. Zweimal loggen also. Just als wir uns auch hier eingetragen haben, erreicht die andere Wandergruppe den Gipfel. Es stellt sich heraus, dass es Serben aus der 40 km entfernten Stadt Zaječar sind. Wir unterhalten uns auf Englisch. Wie fast alle Serben, die wir getroffen haben, sind sie überaus freundlich und zuvorkommend. Ich bestätige ihnen, dass ihr Land wunderschön ist. Sie beklagen, dass niemand kommt und es sehen will. „So let’s change it!“ lautet meine Antwort und habe schon den Reisebericht im Hinterkopf.

Eine irre Aussicht!

Haben wir auf dem Weg herauf schon tolle Aussichten gehabt, ist die Rundumsicht auf dem Gipfel einfach überwältigend. Die Ruine, wie sie da steht, hätte sich ein Landschaftsarchitekt nicht besser ausdenken können. Es ist einfach ein perfekter Moment an einem grandiosen Ort. Wir machen ausgiebig Pause und genießen einfach. Auch im Winter muss es hier wunderschön sein. Einen Eindruck davon kann man sich hier und hier machen.

Der Felskamm nahe des Gipfels. Im Vordergrund die drei serbischen Wanderer.

What goes up must come down. Wir müssen ja auch wieder runter. Die Temperatur ist unaufhörlich gestiegen. Selbst hier oben dürfte es jetzt locker 30 Grad haben. Der Wind macht es aber angenehm. Wir blicken auf den Pfad nach unten und sehen eine lange Strecke ohne Schatten. Wir haben den Aufstieg am Südhang gewählt, der jetzt von der gleißenden Mittagssonne beschienen wird. Wir brechen auf.  Das Glücksgefühl, den Gipfel mit dem schönen FTF erklommen zu haben, hält noch eine ganze Weile an. Als wir den Buschbewuchs erreichen, ist vom Schatten dort nicht viel übrig. Die Sonne steht nahezu im Zenit und bescheint den Weg gnadenlos. Unter einigen Büschen finden wir eine Stelle zum Rasten, machen erneut Pause. Haben wir sonst tendenziell zu viel Wasser dabei, wird es dieses Mal knapp werden. Zum Glück haben wir taugliche Kopfbedeckungen. Das wäre sonst sicher nicht ohne einen Sonnenstich ausgegangen.  Auch an Sonnenschutz haben wir gedacht. Allerdings  habe ich zwischendurch immer einmal wieder das T-Shirt gelupft um ein bisschen mehr Kühlung zu erreichen. Das sollte sich später mit einem Sonnenbrand der skurrilen Sorte rächen. Zwar war die Verbrennung nicht sonderlich stark, durch den Hüftgurt entstand aber ein scharf begrenzter weisser Streifen. So laufe ich den Rest der Reise als österreichische Flagge herum.

Auf dem Rückweg

Die letzten Kilometer zum Bulli sind eine echte Tortur. Wir verfluchen unsere Entscheidung, den Weg nicht weiter gefahren zu sein. Als wir endlich ankommen, steht der Wasserkanister noch auf der Toolbox. Den haben wir heute Morgen vergessen, wieder in den Bulli zu räumen. Einen 40-Liter-Kanister mit Hahn kann hier wirklich jeder gebrauchen. Aber niemand hat ihn genommen. Ein Blick aufs GPS: Wir sind 25 km mit knapp 900 Meter Aufstieg gewandert.

Eine alte Frau kommt des Weges und hat ihre Schafherde und einige Ziegen dabei. Sie erzählt munter drauf los. Dass wir ihr bedeuten, dass wir sie nicht verstehen, stört nicht und sie plappert lustig weiter. Wir nicken freundlich und lassen sie. Die Ziegen zeigen auch sogleich großes Interesse am Bulli, wohl eher an den Dingen darin, und stöbern eifrig. Wir haben Mühe, sie vom Einsteigen abzuhalten.

„Dürfen wir reinkommen?“

Nach einer gründlichen Waschaktion am Kanister machen wir uns auf den Weg um einige Dinge einzukaufen. In Ermangelung an kaufbaren Ansichtskarten hat Astrid selbst welche gebastelt, die sie verschicken will. Also fahren wir nach Soko Banja, wo wir eine Post, einen Supermarkt und eine Bank finden. Unsere serbischen Dinar sind nämlich auch knapp.

Danach wollen wir gemütlich etwas essen, möglichst mit Wlan. Wir fahren zu dem kleinen Restaurant, wo uns gestern die Leute so freundlich weiter geholfen haben. Da ist aber niemand und Wlan gibt’s auch nicht. Also weiter zum Motel von gestern. Wir essen hervorragendes Rind vom Grill und setzen ein paar Lebenszeichen ab.

Es wird Zeit, sich um einen Schlafplatz Gedanken zu machen. Beim Motel gibt es eine Tankstelle und einige Möglichkeiten, einigermaßen lauschig zu stehen. Die M5 führt hier direkt vorbei.  Wir haben aber noch die Worte des Campingplatzbetreibers aus Sr. Mitrovica im Ohr: „At he petrol stations is the most dangerous place to sleep“. Und so schön ist es hier auch nicht.

Also stellen wir unser Glück erneut auf die Probe und fahren ein paar Nebenstraßen ab. Alle befahrbaren Wege führen in Dörfer, auf Gehöfte oder zu kleineren Wohnhäusern im Wald. Ein Weg führt zu einem offensichtlich verlassenem Haus. Etwas unterhalb gibt es einen Eichenhain, eben und mit Gras bewachsen. Perfekt! Hier sind wir zwar recht nah an der M5, können von dort aber nicht gesehen werden. In der Dunkelheit passiert uns noch ein Holz-LKW, das war es.

Wir schlafen nach dem anstrengenden Tag tief und fest.

Am nächsten Tag werden wir erst umzingelt und fahren dann weiter nach Süden.

Von Rumänien bis zum Rtanj: Glücklich sind die Grenzgänger

Die Gegend um unseren Schlafplatz

Kann ein so kleines Tier so stinken?

Die Temperaturen an diesem Morgen steigen schnell. Der Geruch nach Verwesung hat die ganze Nacht angehalten. Wir stehen auf einer Art Kreuzung, eine Abzweigung führt über eine Furt durch den Bach in den Wald, eine andere einen steilen Berg hoch.

Beide würde ich nur mit Allrad befahren. Meine Theorie ist daher, dass aus dem Wald zurückkehrende Jäger ihr Wild am Bach aufbrechen und die Gedärme in die Büsche werfen. Ein Stück aufwärts des Weges gibt es aber eine andere simple Erklärung. Dort liegt ein verwesender Hundekadaver. Dass ein Tier so stinken kann! Vielleicht stimmt aber auch beides…

Zurück zur Hauptstraße

Hotel Roman, nicht von der Schokoladenseite

Für den Länderpunkt Rumänien stehen uns mehrere Möglichkeiten zur Verfügung. Die sicherste scheint eine Grotte zu sein, die oberhalb von Băile Herculane liegt. Also fahren wir raus aus dem Wald, wieder auf die Europastraße, biegen aber ein Stück vor unserer gestrigen Route ab. Jetzt geht es nicht durch die Büdchengasse von gestern, sondern durch ein Dorf und dann steil den Berg hoch.

Am Hotel Roman, Kategorie unsanierter Altbau, parken wir den Bulli und folgen den Wegweisern. Ein Hund mittlerer Größe, der vor dem Hotel herumstreunt, schließt sich uns an. Er trägt ein Halsband, muss also zu jemandem gehören. Vielleicht hat er nur Lust auf Gesellschaft und einen kleinen Ausflug. Er ist überaus freundlich und wir nehmen ihn gerne mit.

Unser temporärer Cache-Hund

Es ist 9 Uhr morgens, aber die feuchte Hitze ist bereits mörderisch. Während des kurzen Aufstieges schwitzen wir gewaltig. Umso willkommener ist der Schatten der Grota Haiducilor. Ausser uns ist niemand hier. Wir können den Cache (GC1W0EZ) recht fix finden und schauen uns die Höhle an. Nachdem wir uns etwas abgekühlt haben, steigen wir wieder runter. Unser vierbeiniger Begleiter folgt uns.

In der Grotte

Unten vor dem Hotel treffen wir Olga. Sie ist Mitte 50, Russin und sammelt mit ihrem Wägelchen Müll. Das ist zumindest das, was wir glauben verstanden zu haben. Zu unserer Verwunderung will sie kein Geld, nur ein kleines Pläuschchen. Das mit dem Geld wäre auch schwierig geworden. In unseren Taschen befindet sich kein einziger Leu, die Landeswährung haben wir bisher nicht gebraucht. Wir tauschen ein paar Sätze Kauderwelsch aus und verabschieden uns. Als wir das Dorf am Fuß der Berge passieren, jagen sich zwei junge Männer über die Dorfstraße. Der Verfolger wirft laut lachend mit einer lebendigen Schlange nach seinem Kumpel. Die beiden haben sichtlich Spaß an dem derben Scherz. Wir wundern uns.

Hier gibt es gleich den Schlangen-Vorfall

Unser nächstes Ziel heisst Orşova. Dort gibt es zwei gelistete Caches, einer an einer architektonisch merkwürdigen Kirche (GC2K5XN), der wohl weg war. Und einen an einem Kloster oberhalb des Ortes (GC2CGXW), den wir gut finden können. Hier oben ist es ganz hübsch, aber so richtig flasht es uns nicht.

Katholische Kirche in Orşova

Monastirea Sfanta Ana

Wohnviertel in Orşova

Als nächstes besuchen wir Drobeta Turnu Severin. In der Stadt gibt es vier Caches, die wir finden wollen. Leider gefällt es uns hier überhaupt nicht. Es ist hektisch, laut und irgendwie liegt eine gewisse Grundagressivität in der Luft. Wir fahren in das Zentrum, vorbei an den Caches und machen dass wir wieder rauskommen.

Zwischendurch habe ich immer mal wieder versucht, ein offenes Wlan zu finden. Was auf der anderen Donauseite in Serbien nie ein Problem war. Hier ist es anders. Weniger Netze und wenn, dann verschlüsselt. Irgendwie haben wir einen schlechten Start mit Rumänien. Wir haben schon einiges über das Land gehört und es soll viele schöne Orte und Landschaften geben. Mit Blick auf die Berge glauben wir das gerne. Wir werden das Land wohl einmal besser vorbereitet und in anderen Regionen besuchen. Aber das ist eine andere Reise. Dieses Mal beschränkte sich die Recherche auf die grenznahen Caches entlang der Donau.

Ausblick unterwegs

Wir haben ein weiteres Ziel. Das Naturschutzgebiet Rtanj im südöstlichen Serbien, wo ein besonders schöner FTF winkt. Die Fahrtstrecke dorthin beträgt ca. 180 km. Also los. Wir überqueren die Donau und die Grenze so wie wir gekommen sind. Am rumänischen Posten ist nichts los und so widmet sich uns der Zollbeamte etwas gründlicher. Ob wir Waffen, Munition oder Drogen dabei hätten. Wir lachen. Er nicht.

Auf eine weitere Kontrolle wird verzichtet, das erledigen dann die Serben auf der anderen Seite. Der Pistenstaub hat sich in den Zahlenschlössern der Toolbox festgesetzt und ich bekomme sie erst nicht auf. Das macht den Grenzer misstrauisch und er beobachtet genau, ob ich die Kombination auch wirklich kenne. Nachdem wir alle Staufächer geöffnet haben und somit des Schmuggels unverdächtig scheinen, wird die Zulassung genau geprüft. Der Beamte verschwindet mit unseren Papieren im Grenzhäuschen und lässt uns eine Viertelstunde warten. Zumindest stehen wir im Schatten. Schließlich dürfen wir passieren und sind jetzt wieder in Serbien.

Landstraße in Serbien

Der Weg Richtung Soko Banja, einer Stadt am Rande des Rtanj, ist einigermaßen unspektakulär aber immerhin gut zu fahren. Unterwegs müssen wir tanken und suchen eine „Pumpa“ (Tankstelle), die Kreditkarten nimmt. An einer Zapfsäule halten wir. „Credit Card?“ frage ich. Nach einem Blick auf unser Kennzeichen lautet die überraschende Antwort: „Nächste Tankstelle!“

Dort angelangt wartet ein junger Tankwart, vielleicht so um die 2o. Er spricht fließend Deutsch. Woher er das denn könne? Fernsehen! Er hat offenbar eine Schwäche für deutsche Produktionen, die in Serbien mit Untertitel ausgestrahlt werden. Und sich nebenbei eine Fremdsprache draufgeschafft. Hier auf dem platten Land Ostserbiens kommen nicht oft deutschsprachige Touristen vorbei. Er freut sich sichtlich, seine Kenntnisse anwenden zu können.

Der Cache, den wir anfahren, verfügt über drei zusätzliche Wegpunkte. Ein Motel am Fuße des Berges, einen Parkplatz in einem Dorf für den Aufstieg von Norden und einen Parkplatz für den Aufstieg von Süden, der abseits von Ortschaften liegt. Da es hier in weitem Umkreis keine Aussicht auf einen Campingplatz gibt, wollen wir Variante Drei nutzen und hoffen, dass sie einen guten Schlafplatz abgibt.

„Der ist aber ganz schön hoch!“

Vorher folgen wir der Empfehlung und besuchen das Motel, trinken etwas, nutzen das Wlan und die Sanitäranlagen. Hier direkt an der Hauptstraße wollen wir nicht nächtigen und fahren weiter Richtung Möglichkeit Zwei, da müssen wir eh lang. Vorbei an einer mächtigen Industrieanlage, die wieder wie ein Lost Place wirkt, aber keiner ist, erreichen wir das Dorf mit der Parkmöglichkeit. Der Platz ist wirklich mitten im Dorf, scheidet also auch aus.

Der Einstieg zu Parkplatz Drei soll in einem Dorf namens Mužinac liegen. Wir studieren die Papierkarte. Da ist es nicht drauf. Auch OSM kennt es nicht und die City Navigator versuchen wir gar nicht erst. Also probieren wir zunächst, den Punkt direkt anzufahren. Aber das ist im Gebirge immer so eine Sache. Mal fahren wir direkt drauf zu, mal entgegengesetzt, weil es keine andere Möglichkeit gibt.

In einer Kurve liegt ein kleines Restaurant. Wir halten auf dem Parkplatz. Es ist nicht viel los, nur zwei Gäste, ein Paar, und die Wirtin. Letztere fragen wir zuerst mit der Karte in der Hand. Sie versteht kein Wort und verweist uns auf das Paar. Er spricht etwas Englisch. Astrid meinte später, er hätte Ähnlichkeit mit Richard Gere. Auch sie ist von angenehmen Äußeren, offensichtlich schwanger und genießt eine Zigarette zum Rotwein. Sieht man hier alles nicht so eng.

„You want to go mountain? Why?“ Man hält uns für bekloppt. Er zeichnet das Dorf Muzinac auf unserer Karte ein und auch die Straße zu unserem gewählten Parkplatz. Dabei mustert er abwechselnd den Bulli und uns. „The road is very…“ ihm fehlt das Wort, aber seine Gestik verheisst nichts Gutes. Wir danken und machen uns auf den Weg. Unsere Karte hat eine weitere Widmung bekommen.

Als wir das Dorf finden, führt eine winzige Geröllpiste zwischen den Häuschen den Hang hinauf. Wir fahren zuerst daran vorbei. Es ist steil und es liegt wirklich viel Geröll herum. Die Räder drehen durch und das ESP greift. Ich schalte es ab und wir kommen so gerade hinauf. Etwas weiter wird es flacher. Wir folgen dem Weg ein, zwei Kilometer. Dann eine Querrille. Jetzt ist Schluss. Hier ist Platz, die Sonne steht tief und dies könnte einen guten Schlafplatz abgeben. Bis zum Wegpunkt sind es zwar noch 5 Kilometer, die können wir morgen aber laufen.

Geröllpiste im Rtanj

Der Cache, den wir suchen wollen, liegt auf dem höchsten Gipfel des Rtanj, dem Šiljak (1565 m). Das wird eine Tagestour und da machen 10 Kilometer mehr oder weniger auch nichts. Bis zum Gipfel sind es von hier 8 Kilometer. Luftlinie. Auf der Suche nach den Wegpunkten haben wir den Berg bereits respektvoll gemustert. „Der ist aber ganz schön hoch!“ wird zum Ausspruch des Abends.

Unser Basislager

Um uns herum liegt eine traumhafte Landschaft. Richtung Süden schauen wir in das Tal, in dem Soko Banja liegt. Dahinter eine weitere Bergkette. Richtung Norden liegt unser Ziel für morgen. Im Osten und Westen breiten sich Bergwiesen aus, unterbrochen von kleinen Feldern, dazwischen etwas Buschbewuchs. Es dämmert bereits und wir denken, dass sich hierher wohl niemand mehr verirren wird. Weit gefehlt. Die Bauern kommen erst jetzt von ihren Feldern zurück. Die erste Fuhre, die uns passiert, hält. Mist! Bestimmt der Landbesitzer, der uns hier nicht haben will. Wieder falsch! Es ist ein älteres Bauernpaar auf ihrem kleinen roten Traktor.

Sie begrüßen uns aufs Herzlichste. Eine gemeinsame Sprache finden wir nicht, aber mit Gesten beschreiben wir, was wir vorhaben. Offensichtlich sind sie darüber hoch erfreut. Auf einem Zettel wird nun die Route „besprochen“. Plötzlich macht die Bäuerin eine öffnende Bewegung mit den Armen. Wir verstehen nicht. Sie zeigt uns einen Beutel, dann auf den Bulli. Wir sollen einen Beutel holen. Als wir einen haben, kramt sie aus einem Eimer Kartoffeln, Zwiebeln und Knoblauch hervor, die die beiden gerade vom Feld geerntet haben und steckt sie in den Beutel. So was passiert dir im Sauerland¹ nicht. Mit Handschlag und warmen Worten in der jeweiligen Muttersprache bedanken wir uns und nehmen Abschied. Der kleine rote Trecker tuckert davon und wir gehen mit einem breiten Grinsen zum Bulli. Wir sind von der Herzlichkeit und dieser Geste jetzt immer noch überwältigt.

Bulli im Sonnenuntergang

Blick auf den Gipfel im letzten Abendlicht

Während wir kochen und bei den letzten Sonnenstrahlen essen, kommen noch ein paar weitere Gefährte, meist kleine Traktoren mit hoch beladenen Heuanhängern vorbei. Jeder grüßt freundlich. Die Hitze des Tages ist gewichen und wir werden ausgezeichnet schlafen.

Am nächsten Tag versuchen wir einen FTF nach fast einem Jahr zu landen und haben eine wunderschöne Bergtour.

¹ Obwohl da viele nette Leute wohnen!

An der schönen blauen Donau

Einmal Serbien durchqueren

Alternativer Viehtransport

Am nächsten Tag wachen auf der malerischen Birnenplantage auf. Es steht Frühstück für uns bereit, das wir gestern bestellt hatten. Es handelt sich um das traditionelle Lepinja (Fladenbrot) mit Kajmak und Ei. Dazu gibt es Kaffee und flüssigen Jogurt. Das ist unfassbar lecker, aber auch ganz schön mächtig.
Nach dem Essen rechnen wir mit dem Wirt ab. Quittungen sind etwas ganz Wichtiges in Serbien, das haben wir schon gelernt. Theoretisch muss man für jeden Tag Aufenthalt im Land seine Unterkunft und auch die Herkunft von Waren, die man ausführen möchte, nachweisen. Meist gibt es – selbst in den kleinsten Supermärkten – einen Ausdruck aus einer Kasse. Hier wird jetzt ein Quittungsblock herausgeholt und ein Blatt sorgfältig in kyrillischer Schrift ausgefüllt. Meinen Namen malt er fast vom Perso ab. Er hat sichtlich Mühe mit den lateinischen Buchstaben.
Heute werden wir Serbien Richtung Osten durchqueren. Unser Ziel ist der Nationalpark Đerdap, der direkt an der Donau liegt. Unsere Sorge von gestern bezüglich der Einkaufsmöglichkeiten am Sonntag waren unbegründet. Alle Supermärkte haben geöffnet. Die kleinen Märke scheinen sowieso immer offen zu haben.
Ländliche Passagen wechseln sich mit der Durchquerung von Städten ab. Gerade in der Nähe vom „Autoput“, der serbischen Autobahn, gibt es etwas Industrie. An der Bordelldichte kann man die Nähe zur Fernstraße ausmachen. Desto mehr Herzchen an den Häusern, je näher ist man an einer Auffahrt.
Nach einem kurzen Stück Autobahn in Richtung Norden fahren wir auf eine M-Straße. Die sind vom Rang vergleichbar mit unseren Bundesstraßen und meistens relativ gut ausgebaut. R-Straßen hingegen können alles sein. Von guten Teerstraßen bis zur Schotterpiste. Die M24 hat aber teils einen sehr schlechten Belag und wir kommen nicht so schnell voran.

Straße entlang der Donau bei Golubac

Man fährt direkt durch die Stari Grad Golubac

Mittendurch…

…durch mehrere Torbögen

Irgendwo in einem Dorf finde ich ein offenes Wlan und setze ein kurzes Lebenszeichen via Twitter ab. Als wir den Nationalpark Đerdap erreichen, sind die Schatten schon ganz lang geworden. Es ist später Nachmittag und es wird hier doch merklich früher dunkel als in Norddeutschland. Direkt an der Donau soll es einen Campingplatz geben, der auf einer kleinen Landzunge liegt.
Die Fahrt dorthin ist landschaftlich äusserst schön. Die Straße schlängelt sich an der Donau entlang, die hier teilweise mehrere hundert Meter breit ist. Auf der anderen Seite liegt Rumänien. Wir wollen am nächsten Tag den Länderpunkt und noch ein paar weitere Caches auf einer Rundtour machen und vorher in Serbien übernachten. Aber es kommt anders.

Die Donau bei Dobra

Eigentlich ein schöner Stellplatz

Als wir den Campingplatz erreichen, ist niemand dort. Das Haus, das eine Kneipe und wahrscheinlich auch die Rezeption beherbergt, ist verlassen. Die Türen stehen offen, die Kühlschränke sind leer. Auf einem Tisch steht aber ein Aschenbecher, der frisch benutzt aussieht. Wir schauen uns weiter um. Die sanitären Anlagen sind faktisch nicht benutzbar. Es gibt kein Wasser. Wir setzen uns an die Donau, studieren die Karte und den Campingführer. Ist der Fluss von oben auf der Straße wunderschön, sieht man jetzt hier wie dreckig er ist. Das Ufer ist bedeckt von einer schleimigen Algenschicht, ein paar Plastikflaschen dümpeln herum.
Ein Mann mittleren Alters nähert sich. Er trägt nur eine Badehose. Wir haben unterwegs einige Gartengrundstücke gesehen, wahrscheinlich kommt er von einem davon. Wir unterhalten uns auf Englisch und er meint, wir müssen eine bestimmte Telefonnummer anrufen, wenn wir hier die Nacht verbringen wollen.
Wir beschließen, hier stehenzubleiben und einfach abzuwarten, was passiert. Die Schatten sind noch länger geworden und wir brauchen was zum Pennen. Das Fahren bei Dunkelheit ist auf dem Balkan nicht ganz ungefährlich. Es wird recht forsch gefahren, man sieht die Schlaglöcher nicht und schlimmer: Überall muss mit unbeleuchteten Fahrradfahrern oder Fuhrwerken gerechnet werden. Dazu Straßen an steil abfallenden Hängen ohne Leitplanke und teilweise ohne Markierung. Was am Tag ganz spaßig ist, kann nachts echt zum Problem werden.
Jetzt gesellen sich noch zwei weitere Männer hinzu und die drei steigen in die pottdreckige Donau. Dabei haben sie uns ständig im Blick, taxieren uns und machen ihre Späße. Die Situation ist uns alles andere als sympathisch. Es sieht so aus, als ob wir hier über Nacht nicht allein blieben würden. Hier zu schlafen und auf Sanitär zu verzichten wäre kein Problem. Aber irgendwie haben wir das erste Mal auf der Reise ein richtig komisches Gefühl bei den drei Badenden.

Die Landschaft ist schön, aber steil

Die steile Landschaft hier ist zwar wirklich schön, gibt aber keine wirklich guten Plätze zum Wildcampen her. Die nächste Möglichkeit, legal zu stehen wäre ein Platz in Rumänien, 60 km entfernt. Luftlinie. Ich schätze die Fahrzeit auf 1-1,5 Stunden. Also los.
Unterwegs wird die Strecke noch schöner. Es ist kaum Verkehr und man kann sich richtig satt sehen. Dann plötzlich, einige Tunnel und schöne Ausblick später, nehme ich im Augenwinkel ein Schild mit einem Zelt wahr. Also drehen wir und fahren hin. Das Schild weist in eine schmale Serpentinenstrecke, wo es steil bergauf geht. Wir biegen ab und schrauben uns immer weiter den Berg hoch. Nach ein paar Kilometern finden wir eine Pension und da ist auch wieder das Schild mit dem Zelt. Astrid steigt aus um die Lage zu erkunden und wird gleich von einer älteren Frau auf Herzlichste begrüßt. Ich parke den Bus und geselle mich dazu. Wir werden zu einer jüngeren Frau gebracht, die Englisch spricht. „Sorry, tents only.“ Der Zeltplatz hinter der Pension ist auf Radreisende spezialisiert und tatsächlich nicht mit dem Bulli zu erreichen. Das ist ziemlich schade, denn die ganze Anlage ist liebevoll gemacht, die Leute sind freundlich und die Aussicht vom Zeltplatz muss grandios sein. Ausserdem sind die Schatten wieder etwas länger geworden.
Also doch nach Rumänien.
Hinter Donji Milanovac legt die Landschaft noch einmal nach. Die Straße verläuft jetzt entlang des zunehmend steiler abfallenden Ufers, hoch über der Donau.

Am Eisernen Tor

Parkplatz mit Aussicht

Der Grenzübergang liegt kurz hinter dem Eisernen Tor und führt über das gleichnamige Wasserkraftwerk, das zu gleichen Teilen von Serbien und Rumänien betrieben wird. Niemand will uns kontrollieren. Wir passieren den Fluss und sind in Rumänien, also auch wieder in der EU und dem Schengenraum.

Grenze Serbien / Rumänien

Auf der Grenzbrücke

Neue Straße auf der rumänischen Seite der Donau

Jetzt fahren wir die Donau Richtung Norden hoch. Gleiche Strecke, andere Richtung. Die Straßen sind nagelneu und mit grellweissen Markierungen versehen, die Felswände betoniert. Alles wirkt total überdimensioniert. Als wir die ersten Ortschaften erreichen, wird es noch skuriler. Die pechschwarze, glatte und üppig beschilderte Straße ist gesäumt von unfassbar heruntergekommenen, aber bewohnten Häusern. Teilweise drängt sich der Begriff „Slum“ auf.
Der Campingplatz soll bei Băile Herculane liegen. Keine genaue Adresse, keine GPS-Koordinaten. Wir folgen den Schildern und biegen von der Hauptstraße ab. Wirkt alles zunächst noch dörflich, wird es jetzt viel rummeliger. Das Sträßchen, das zunehmend entlang winziger Läden gefüllt mit buntem Plunder führt, ist voller Schlaglöcher. In einer Kurve hat es einen kleinen Unfall gegeben. An beiden Enden der Engstelle stehen zwei junge Männer und regeln den Verkehr, sprechen sich per Mobiltelefon ab.

Hotel Decebal

Nach einigen Kilometern erreichen wir das ehemalige Zentrum von Herkulesbad, wie es unter österreichischer Herrschaft hieß. Hier stehen verfallene Hotels im Barockstil neben Betonbauten aus der sozialistischen Ära. Letztere befinden sich in einem ebenfalls bedauernswerten Zustand. Wir lieben Lost Places, aber hier ist es alles andere als lost. Es ist jede Menge los und die Touris flanieren entlang des Verfalls.

Kurbrücke

Vergangene Pracht

Direkt vor dem ehemals prächtigen Hotel Decebal steht die Herkulesstatue. Wir sprechen zwei Passanten an. Ein Campingplatz? Hier? Haben sie noch nie von gehört. Beide sind überaus freundlich und wir können uns auf Englisch brauchbar verständigen. Wir sollen doch bei einer Hotelrezeption fragen. Gleich hier wären doch welche.
Ömm, die Hotels hier sind geöffnet? Und tatsächlich, einige der neueren Betonburgen können gebucht werden. Unsere Wahl fällt auf das Hotel Hercules . Im Eingangsbereich strömt uns der typische Geruch von feuchtem Mauerwerk in die Nase. Wer schon einmal in einem „richtigen“ Lost Place gewesen ist, kennt diesen Geruch ganz genau. Der ehemalige Fußabstreifer ist zu einer Hindernisstrecke geworden. In dem großzügigen Raum vor der Rezeption ist es ziemlich duster. Hinter der Theke prangt ein großes Wandmosaik im sozialistischen Stil der Siebziger. Vor der Theke steht eine Familie und checkt ein. Wir empfinden das alles in unserer Situation als höchst surreal.
Brav stellen wir uns in die Schlange. Die Rezeptionistin, eine Mittfünfzigerin in einem roten Trägerhemd aus Baumwolle wendet sich uns zu. Wir versuchen es auf Englisch, was nicht klappt. Es dauert einen Moment, bis wir merken, dass sie hervorragendes Deutsch spricht. Einen Campingplatz kennt auch sie hier nicht. Aber sie holt ein mächtiges Telefonbuch unter dem Tresen hervor und blättert darin. Wir sollen es mal am Ortsausgang, in der Nähe der Hauptstraße versuchen.

Kuranlagen

Flaneure im ehemaligen Zentrum

Auf dem Weg dorthin treffen wir auf ein Wohnmobil mit deutschem Kennzeichen. Wir winken und fragen, ob sie das selbe Problem haben. Die Familie aus Bayern hat den Platz bereits gefunden. Es handelt sich um eine Rasenfläche direkt an der Europastraße. Darauf haben sie keine Lust und sind auf der Suche nach einer Pension. Wir finden die Rasenfläche auch. In der Bar nebenan hat gerade die Karaokesession in einer unfassbaren Lautstärke begonnen. Daneben donnern die LKW vorbei. Trotz der inzwischen angebrochenen Dämmerung siegt der Trotz. Dafür bezahlen wir nicht! Ab in den Wald.
Nachdem wir einige Geröllstraßen gecheckt haben und immer irgendwo vor Häusern und kleinen Gehöften landeten, haben wir endlich eine Strecke durch den Wald entlang eines Baches in die Berge gefunden. An einer Furt gibt es eine Freifläche, wo kurz vorher noch einige Bienenvölker gestanden haben. Hier ist es hübsch und wir parken den Bus. Ein leicht süßlicher Geruch liegt über der Landschaft. Noch denken wir uns nichts dabei.

Stellplatz im Wald

Wir kochen und essen zu Abend. Es wird dunkel und trotz der vermeintlichen Abgelegenheit unseres Standplatzes passieren ein paar Autos. Die Insassen wundern sich sichtlich. Als es schon stockdunkel ist, rumpelt ein Lada Niva mit allerlei Geraffel auf dem Dach den Weg herunter. Er hält hinter dem Bus, der Motor läuft weiter, fährt dann aber weg. Das könnte die rumänische Polizei gewesen sein, ist bei den Lichtverhältnissen aber unmöglich zu sagen. Wir sind etwas verunsichert.
Es war ein feuchter und heisser Tag. Mit zunehmender Dunkelheit wird es kühler, die Feuchte bleibt. Der süßliche Geruch von eben wird zu einem ausgewachsenen Gestank. Nun wird es offensichtlich: Es riecht nach Verwesung! Also bleibt das Lüftungsblech heute draussen und wir schlafen im komplett geschlossenen Bus.
Am nächsten Tag finden wir heraus, was hier so stinkt, schauen uns einen anderen Teil von Băile Herculane an und wollen den Länderpunkt RO machen.